Partii - Partizipation inklusiv

[1] Ergebnisse: Einführung

Partizipation

Menschen mit Behinderungen (MmB) explizit und auf angemessene Weise in die geplante Partizipationsinitiative des BMBFs einzubeziehen, ist Ziel von Partii – Partizipation inklusiv.

Bisher werden Menschen mit Behinderungen, die in Deutschland fast 10% der Bevölkerung ausmachen, weder als Zielgruppe adressiert noch sind gängige partizipative Verfahren – analog wie digital –barrierefrei.

Das Vorhaben Partii entwickelt und erprobt ein digitales, internetbasiertes Verfahren. Es soll beim Einsammeln von Bürgerfragen die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen ermöglichen, auch wenn spezifische Kommunikationsformen dafür erforderlich sind.

Menschen mit Behinderungen haben interessante, spezifische Fragen an die Wissenschaft

Die Hypothese, dass Menschen mit Behinderungen interessante Fragen und Themen an/für die wissenschaftliche Forschung haben, geht in doppelter Hinsicht über die grundsätzlich sinnvolle Integration von MmB in allen gesellschaftlichen Bereichen hinaus:

Mit der Einbeziehung von MmB wird das Einsammeln von behinderungsspezifischen Fragen an die Forschung ermöglicht. Dabei handelt es sich um Fragen, auf die Menschen ohne Behinderung in der Regel nicht kommen, da sie selbst die behinderungsbedingten Bedarfe nicht haben. Diese Art von Fragen oder Entwicklungsbedarfen richtet sich potentiell an alle Disziplinen, also keineswegs nur an Medizin, Natur-, Technik- und Ingenieurwissenschaften, sondern auch Sozial-, Geistes-, Wirtschafts- oder Kulturwissenschaften.

Menschen mit Behinderungen machen immer wieder die Erfahrung, dass sie – wenn überhaupt – zu spät einbezogen werden

Selbstverständlich gibt es bereits Programme, Projekte und Vorhaben, die auch oder ausschließlich die Belange von MmB adressieren. Speziell bei der Forschung und Entwicklung von digitalen Lösungen machen Menschen mit Behinderungen aber immer wieder die Erfahrung, dass sie – wenn überhaupt – zu spät einbezogen werden. Häufig stammen Fragestellungen wie Lösungsansätze von Menschen ohne Behinderungen, die zwar allerbeste Absichten haben, aber oftmals kein Verständnis für die tatsächlichen Bedarfe oder für die mit der Nutzung digitaler Lösungen einhergehenden zusätzlichen Anforderungen an Alltagstauglichkeit wie Robustheit und unbedingte Zuverlässigkeit. Hier bietet die Partizipationsinitiative die Chance, Menschen mit Behinderungen wirklich früh möglichst von Anfang an zu beteiligen.

Aber auch jenseits behinderungsbezogener Aspekte haben MmB interessante Fragestellungen, die aus ihren spezifischen Sichtweisen und Fähigkeiten hervorgehen. In vielen Unternehmen werden die Vorteile, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und Kompetenzen ergeben, bereits genutzt.

„Diversity“ und „Diversity Management“ sind hierfür die einschlägigen Fachbegriffe. Sie beinhalten unter anderem, dass Teams bewusst aus unterschiedlichen Menschen (Geschlecht, Herkunft, Kultur, Religion, Behinderung) zusammengestellt werden. Diese erzielen erfahrungsgemäß deutlich bessere Ergebnisse als homogene Teams und finden kreativere und innovativere Lösungen.

Menschen mit Behinderungen entwickeln häufig eigene Perspektiven und werden durch herausragende künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen bekannt

Vor allem mit Behinderungen geborene Menschen entwickeln häufig eigene Perspektiven, werden dann für große künstlerische (z.B. Vincent van Gogh, Stevie Wonder, Thomas Quasthoff) oder wissenschaftliche (z.B. Stephen Hawking, John Nash, Richard Borcherds) Leistungen bekannt. Besonders ausgeprägt sind die spezifischen Perspektiven von Menschen mit Behinderungen dann, wenn sie mit einer eigenen Kultur einhergehen, die eine vermeintliche Behinderung in eine Rahmenbedingung oder sogar Stärke verwandelt.

Menschen mit Behinderungen haben spezifische, eigene Kulturen

Forschungsergebnisse belegen dieses Phänomen bislang vor allem für die Gebärdensprachkultur tauber Menschen. „Deaf-gain“ bezeichnet dabei ein Verständnis, das den Hörverlust in den Hintergrund rückt, dafür aber die anderen Sinne und das Verfügen über Gebärdensprache sowie die damit verbundenen kulturellen und auch kognitiven Leistungen herausstellt.

„Deaf-gain“ lässt sich ins Deutsche als „Gewinn durch Taubheit“ übertragen, wobei das großgeschriebene „Deaf “ als Verweis auf die Gebärdensprachnutzung zu verstehen ist und nicht als Bezeichnung für eine Behinderung steht.

Mit dem Begriff „Deaf-gain“ fassen die amerikanischen Autoren Bauman und Murray [Quelle] eine ganze Reihe von Aspekten zusammen, darunter besondere visuell-räumliche Fähigkeiten, leistungsfähigere Lernwege durch die Ikonizität von Gebärdensprachen und die Möglichkeit, komplexe Vorstellungen durch visuelle, Raum und Bewegung einbeziehende Metaphern zu versinnbildlichen. In kultureller Hinsicht betonen sie vor allem die Gebärdensprach-Poesie, eine eigenständige kulturelle Ästhetik sowie die Notwendigkeit bzw. Möglichkeit einer neuen Definition von Literalität.

Menschen mit Behinderungen haben also – so die Hypothese dieses Projekts – sowohl als Bürger*innen wie alle anderen auch und zusätzlich aus spezifischer behinderungsbezogener oder kultureller Perspektive interessante Fragen an die Wissenschaft.

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